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Die Wochenlesung aus der Tora, Wajeschew, erzählt die Geschichte von Josef, einer der interessantesten Gestalten der Tora. Seine Brüder werfen ihn in eine Grube, und die Tora beschreibt, wie die Grube aussah: “Sie war leer, es gab kein Wasser.” Unsere Weisen ziehen aus dieser Beschreibung eine wichtige Lehre. (Basierend auf Likutei Sichot, Bd. 15, S. 324)
Die leere Grube: Eine Lektion in Demut aus der Geschichte Josefs
Im Wochenabschnitt Wajeschew (“Und er setzte sich”) der Tora begegnen wir der Geschichte Josefs – einer der faszinierendsten und vielschichtigsten Figuren der gesamten Tora. Sein Leben ist voller dramatischer Wendungen und tiefgründiger Lehren. Obwohl es unzählige Details zu entdecken gäbe, möchte ich mich auf ein kleines, aber bedeutsames Detail konzentrieren, das eine wichtige Botschaft für uns alle birgt.
Bevor Josef in die Sklaverei verkauft und nach Ägypten verschleppt wurde, warfen ihn seine Brüder in eine Grube. Die Tora beschreibt diese Grube auf scheinbar wiederholte Weise:
“Aber die Grube war leer; es war kein Wasser darin.”
Auf den ersten Blick erscheint das überflüssig. Wenn die Grube leer war, gab es natürlich kein Wasser. Warum muss die Tora das so explizit erwähnen?
Unsere Weisen lehren uns, dass jedes Wort in der Tora präzise ist und eine Lehre vermitteln soll. Die Tora erzählt nicht bloß Geschichten – sie leitet uns an, wie wir leben sollen.
Wasserfrei, aber keineswegs leer
Die Weisen erklären, dass die Grube zwar kein Wasser enthielt, aber nicht wirklich leer war. Sie war vielmehr voller Schlangen und Skorpione. Josef wurde an einen Ort der Gefahr und Unreinheit geworfen, doch wie durch ein Wunder überlebte er.
Dies wirft eine naheliegende Frage auf:
Wenn die Tora uns mitteilen wollte, dass die Grube voller Schlangen und Skorpione war, warum hat sie das nicht ausdrücklich gesagt? Warum wurde stattdessen die Abwesenheit von Wasser betont?
Um das zu verstehen, müssen wir zunächst verstehen, was “Wasser” in der Tora repräsentiert.
Wasser als Symbol der Tora
In der jüdischen Tradition wird die Tora mit mehreren lebensnotwendigen Substanzen verglichen – Brot, Öl und Wasser. Jede dieser Metaphern hebt einen anderen Aspekt der Tora hervor.
Wasser symbolisiert insbesondere Bitul – Selbstaufhebung und Demut.
So wie Wasser auf natürliche Weise von einem höheren zu einem niedrigeren Ort fließt, kann die Tora nur in demjenigen wirklich wohnen, der sich ihr mit Demut nähert. Man muss bereit sein, Ego, vorgefasste Meinungen und Selbstherrlichkeit abzulegen, um göttliche Weisheit zu empfangen.
Kein Wasser bedeutet keine Demut
Nun können wir mit einem tieferen Verständnis zu Yosefs Grube zurückkehren.
Als die Tora berichtet, dass sich kein Wasser in der Grube befand, deutete sie auf einen Mangel an Demut hin. Auf dem hohen spirituellen Niveau von Josefs Brüdern – die selbst große Gelehrte waren – hatte dieser Mangel an Demut schwerwiegende Folgen.
Und was geschieht, wenn Demut fehlt?
Wie von selbst erscheinen Schlangen und Skorpione.
Anders ausgedrückt: Wenn das Tora-Studium von Demut und Selbstverleugnung getrennt wird, kann es schnell verfälscht werden. Unreinheit, Negativität und Egoismus füllen den Raum.
Eine Lehre des Baal Schem Tov
Dieser Gedanke findet sich auch in einer eindrucksvollen Lehre des Baal Schem Tov wieder, der einen Vers erklärt, den wir täglich im Gebet rezitieren:
“Ihr werdet vom rechten Weg abkommen und anderen Göttern dienen.”
Der Baal Schem Tov erklärt, dass hier nicht zwei getrennte Schritte beschrieben werden. Es geht nicht darum, dass sich eine Person zuerst von der Tora abwendet und Dann Später dienen sie Götzen. Vielmehr dient man bereits anderen Göttern, sobald man vom Pfad der Tora abweicht.
Wie so?
Denn das Wesen der Tora besteht nicht allein in der intellektuellen Auseinandersetzung. Das Wesen der Tora ist die Verbindung zum Geber der Tora – Gott selbst. Wenn die Tora ohne Demut, ohne Unterwerfung unter die göttliche Wahrheit studiert wird, verliert sie ihren wahren Sinn.
Die Tora zu uns sprechen lassen
Es besteht ein grundlegender Unterschied zwischen zwei Lernansätzen:
- Die Tora nach unseren eigenen Annahmen und intellektuellen Vorstellungen zu interpretieren.
- Auf das hören, was die Tora uns sagt, und zulassen, dass sie uns herausfordert und formt
Das ist kein Wortspiel – es ist eine grundlegende Denkweise.
Echtes Tora-Studium erfordert von uns folgende Fragen:
Was will mir die Tora lehren?
Welche Botschaft vermittelt Gott durch diese Worte?
Nicht:
Wie kann ich die Tora in mein bestehendes Weltbild integrieren?
Die Grube als Metapher
So betrachtet wird die Grube zur Metapher.
Die Brüder Josefs waren eifrige Tora-Schüler, doch auf ihrem hohen Niveau fehlte es ihnen an Demut. Sie hielten nicht inne, um zu fragen:
- Was geschieht mit Yosef?
- Warum behandelt Jakob ihn anders?
- Welcher Plan Gottes entfaltet sich hier?
Stattdessen führte das Fehlen von “Wasser” zum Auftreten von “Schlangen und Skorpionen” – Fehlurteilen und zerstörerischem Handeln.
Die Lehre für uns
Die Kernaussage ist klar und zeitlos:
Demut ist eine grundlegende Voraussetzung für das Studium der Tora.
Beim Lernen müssen wir uns bemühen, unser Ego abzulegen und aufmerksam zuzuhören. Wir müssen uns von der Tora leiten lassen, anstatt sie unseren eigenen Vorstellungen anzupassen.
Möge es uns das Verdienst bringen, unsere “Gruben” mit Wasser zu füllen – mit Demut, Klarheit und echter Verbindung zum Geber der Tora.
Vortrag von Rabbi Tuvia Serber
Die obige Darstellung zeigt den gesprochenen Text, der in geschriebenen Text umgewandelt wurde.
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