Im vorherigen Blogbeitrag haben wir gelesen, dass Gottes Name in der Figur Esther nicht erwähnt wird, dass er aber natürlich derjenige ist, der alles bestimmt, unabhängig von den Wünschen und Plänen der Menschen. In diesem Beitrag möchte ich das Gebet von Mordechai und Esther betrachten. Man erwartet von ihnen, dass sie als spirituell hoch entwickelte Menschen in solch schwierigen Umständen beten, doch zunächst scheint dies nicht sofort und offen zu geschehen.

In Esther 4,1 lesen wir Folgendes über Mordechais Reaktion auf Hamans tödlichen Erlass:

וּמׇרְדֳּכַ֗י יָדַע֙ אֶת־כׇּל־אֲשֶׁ֣ר נַעֲשָׂ֔ה וַיִּקְרַ֤ע מׇרְדֳּכַי֙ אֶת־בְּגָדָ֔יו וַיִּלְבַּ֥שׁ שַׂ֖ק וָאֵ֑פֶר וַיֵּצֵא֙ בְּת֣וֹךְ הָעִ֔יר וַיִּזְעַ֛ק זְעָקָ֥ה גְדוֹלָ֖ה וּמָרָֽה׃

Als Mordechai all das hörte, zerriss er seine Kleider, legte Sack und Asche an und zog durch die Stadt, laut und bitterlich schreiend.

Das ist eine logische Reaktion, so würde jeder reagieren, der solche Neuigkeiten hört, aber man würde erwarten, dass er anfängt zu beten.

Aus Exodus 2,23 geht jedoch hervor, dass das hebräische Wort זְעָקָ֥ה hier für Gebet steht, ein Gebet in verzweifelten Situationen. Ein Schrei aus tiefster Seele zu Gott um Hilfe.

וַיְהִי֩ בַיָּמִ֨ים הָֽרַבִּ֜ים הָהֵ֗ם וַיָּ֙מׇת֙ מֶ֣לֶךְ מִצְרַ֔יִם וַיֵּאָנְח֧וּ בְנֵֽי־יִשְׂרָאֵ֛ל מִן־הָעֲבֹדָ֖ה וַיִּזְעָ֑קוּ וַתַּ֧עַל שַׁוְעָתָ֛ם אֶל־הָאֱלֹהִ֖ים מִן־הָעֲבֹדָֽה׃

Lange Zeit später starb der König von Ägypten. Die Israeliten seufzten unter der Sklaverei und schrien auf; und ihr Schrei um Hilfe aus der Sklaverei stieg zu Gott empor.

Im Niederländischen gibt es das Sprichwort “in Sack und Asche sitzen”. Es bedeutet, dass jemand zutiefst traurig ist. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn wir uns jedoch beispielsweise Jona 3,8 ansehen, wo dieses “Sitzen in Sack und Asche” ebenfalls beschrieben wird, bedeutet es Reue, Buße vor Gott.

וְיִתְכַּסּ֣וּ שַׂקִּ֗ים הָֽאָדָם֙ וְהַבְּהֵמָ֔ה וְיִקְרְא֥וּ אֶל־אֱלֹהִ֖ים בְּחׇזְקָ֑ה וְיָשֻׁ֗בוּ אִ֚ישׁ מִדַּרְכּ֣וֹ הָֽרָעָ֔ה וּמִן־הֶחָמָ֖ס אֲשֶׁ֥ר בְּכַפֵּיהֶֽם׃

Sie werden in Säcke gehüllt sein – Menschen- und Tiersäcke – und lautstark zu Gott schreien. Jeder soll umkehren von seinen bösen Wegen und von der Ungerechtigkeit, derer er sich schuldig gemacht hat.

Mordechai – der Anführer seiner Generation, ein großer Prophet – legte sich in Sack und Asche? Er bereute? Dabei hatte er doch nichts Unrechtes getan. Er war nicht im Königspalast gewesen, hatte sich nicht vor Götzen verneigt. Warum also zeigte er Reue? Ein Anführer übernimmt Verantwortung und identifiziert sich mit seinem Volk.

Mordechai appellierte eindringlich an das Volk, doch mehr noch, er ging in die Stadt. Er gab ihnen ein Beispiel, rief sie zur Umkehr auf und forderte sie auf, in ihrer Verzweiflung zu Gott zu beten. Wenn das Volk geschlossen zu Gott schreien und Buße tun würde, so wie es das Volk in Ägypten getan hatte, würde Gott sie vor Hamans Erlass retten.

Erst nachdem das Volk Buße getan und im Gebet zu Gott geschrien hatte, befahl er Esther, zum König zu gehen.

Und dann lesen wir in Esther 5:1

וַיְהִ֣י ׀ בַּיּ֣וֹם הַשְּׁלִישִׁ֗י וַתִּלְבַּ֤שׁ אֶסְתֵּר֙ מַלְכ֔וּת וַֽתַּעֲמֹ֞ד בַּחֲצַ֤ר בֵּית־הַמֶּ֙לֶךְ֙ הַפְּנִימִ֔ית נֹ֖כַח בֵּ֣ית הַמֶּ֑לֶךְ וְ֠הַמֶּ֠לֶךְ יוֹשֵׁ֞ב עַל־כִּסֵּ֤א מַלְכוּתוֹ֙ בְּבֵ֣ית הַמַּלְכ֔וּת נֹ֖כַח פֶּ֥תַח הַבָּֽיִת׃

Am dritten Tag legte Esther königliche Kleider an und stellte sich in den Hof des Königspalastes, dem Königspalast zugewandt, während der König auf seinem königlichen Thron im Thronsaal gegenüber dem Palasteingang saß.

Auf den ersten Blick scheint hier nichts über das Gebet zu stehen. Die Weisen lehren jedoch, dass, wenn in Esters Schriftrolle von “dem König” die Rede ist, Gott gemeint ist; und wenn von König Ahasveros die Rede ist, ist natürlich Ahasveros gemeint.

Nach drei Tagen des Gebets und Fastens hatte Esther ein so hohes spirituelles Niveau erreicht, dass sie von göttlicher Inspiration erfüllt war. Entschlossen ging sie zu Achaswerosh, doch mit jedem Schritt im Palastkorridor beim Anblick der vielen Götzenbilder schwand diese göttliche Inspiration, und das Gefühl der Gefahr für den König wuchs mit jedem Schritt.

Dann schrie sie zu Gott: “Mein Gott! Mein Gott! Warum hast du mich verlassen?” (Psalm 22)

Denn war Gott nicht bei Sarah und Rebekka gewesen, als sie sich eines Tages im Palast eines bösen Königs befanden? Und sie, sie war doch schon so viele Jahre bei Ahasveros. Wo war der HERR?

Doch schon bald sollte sich herausstellen, dass Er auch bei ihr war und sie auch vor Hamans Erlass retten würde.

Wenn jemand in seiner Verzweiflung, aus tiefster Seele, zur Reue findet und zu Haschem betet, wird Er ihm gewiss antworten und ihn aus dieser Lage befreien. Das bedeutet nicht, dass dies sofort geschieht. Es braucht Zeit, bis das Volk aus Ägypten befreit ist, bis Haman gehängt wird und bis sich die Lage für die Juden als sicher erweist. Doch letztendlich wird die Erlösung aus Seiner Hand kommen.


Von Angelique Sijbolts


Mit Dank an Rabbi Tani Burton


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